CSD Duisburg 2026 – Vielfalt ist Duisburger DNA
Man könnte meinen, alles sei wie immer: Wie seit 2015 in jedem Jahr wird die Pride-Flagge am Rathaus gehißt, danach marschiert die CSD-Demonstration durch die Stadt und löst sich dann vor der Bühne in Wohlgefallen auf. Aber wer in diesem Jahr die Redebeiträge verfolgt, der wird einen nachdenklichen, beinahe sorgenvollen Ton bemerken. Denn zum Besten steht es momentan nicht in der Gesellschaft, was die Rechte der LGBTQ+-Gemeinde anbelangt. Der Hass ist größer geworden. Messbar an der Zahl der Kommentare als die Stadt zum Pride Month die Regenbogenflagge postete. Aber auch in den alltäglichen Gesprächen und Debatten innerhalb der Gesellschaft werden rechte Parolen lauter und hörbarer.
Christian Karus, der 1. Vorsitzende von DuPride e.V., bringt die Sache auf den Punkt: “Sind wir hier in Duisburg wirklich schon so weit, dass wir wirklich vielfältig sind? Ist Duisburg für alle gleichermaßen sicher? Und werden Menschen auch ganz selbstverständlich respektiert?” Eine Frage, die er zur Zeit nicht recht beantworten könne. “Aber,” so betont er, “ich bin hier um ganz klar zu sagen, wir zeigen Haltung. Wir fordern diese Haltung von der Stadtverwaltung, von den Akteuren hier in der Stadt Duisburg, von der Wirtschaft. Alle, die an Demokratie teilnehmen, sind dazu eingeladen. Und deswegen ist der Tag heute hier so besonders wichtig. Er zeigt: Diese Stadt ist tatsächlich vielfältig. Sie ist solidarisch. Sie ist auch eine weltoffene Stadt Und wir lassen uns die Duisburger Straße nicht nehmen.” Die Regenbogenflagge, betont er, sei eben kein hübsches Dekoelement und kein Trend, sondern ein Versprechen — hier findest du Schutz, hier wirst du nicht diskriminiert. Vielfalt solle nicht an einem Tag im Jahr gefeiert werden, sondern das ganze Jahr über selbstverständlich sein.
Marathon statt Sprint
Bürgermeisterin Sylvia Linn, die vor dem Rathaus die Flagge hisst, schlägt einen ähnlichen Ton an: Akzeptanz dürfe keine Absichtserklärung bleiben, sie müsse gelebt werden. Gleichstellung und der Abbau diskriminierender Hürden seien „kein Sprint, sondern ein Marathon”. Immerhin: Seit 2015 weht die Regenbogenflagge zum CSD vor dem Rathaus, die Verwaltung hat Ansprechpartner für queere Menschen benannt und schult ihre Mitarbeitenden. „Hass und Hetze haben keinen Platz in Duisburg — Vielfalt ist Duisburger DNA.” Dass auch Bundesministerin Bärbel Bas und Abgeordnete aus dem Landtag gekommen sind, wertet Linn als Zeichen, dass diese Vielfalt gesehen wird.
Die gespaltene Community
“Etwas hat sich verändert in unserer Gesellschaft. Der Hass auf queere Menschen ist zurück und zwar in der Mitte der Gesellschaft. Und damit meine ich auch die, die nicht queer sein wollen, sondern einfach nur schwul, lesbisch oder trans leben möchten. In einer solchen Rede würde ich normalerweise von Toleranz sprechen. Ich persönlich würde mich für Respekt aussprechen und ich spreche mich auch für Respekt aus. Aber ich kann nicht über Toleranz sprechen, wenn uns blanker Hass entgegenschlägt auf der Straße, in sozialem Netzwerken, bei der Wohnungssuche oder sogar am Arbeitsplatz.” Dies ist nicht das, was man sonst an dieser Stelle erwartet. Vor allem nicht, dass eine Rednerin der Community selbst die Leviten liest. Denn sie richtet den Blick nach innen: auf eine Gemeinschaft, die sich selbst spaltet. Die jedes Jahr erneut darüber diskutieren muss, ob Puppy-Player zum CSD dazugehören oder nicht. Von Furrys ganz zu schweigen. Oder Lack und Leder. Wer einen Blick in die Kommentarspalten zu diesen Themen wird, träfe nicht nur die üblichen Verdächtigen an, sondern würde auch Hetz-Kommentare von konservativen Queeren lesen. Dass gerade in den Anfangsjahren auch die kinke Community auf Strasse ging, um zusammen mit allen Anderen die Gleichberechtigung zu erkämpfen scheint vergessen zu sein. Isabels Gegenmittel gegen den Hasskommentare aus der Community selbst ist ein Zitat von Marsha P. Johnson: Kein Pride für Einige, solange nicht Alle befreit sind. Die Fokussierung auf die kleinsten Minderheiten — Transpersonen, Fetisch-Communities — sei nur der Anfang, um die Gesellschaft gegen alle aufzubringen: „Am Ende sind wir doch alle gemeint.”
Und jetzt?
Was vom CSD bleibt: Natürlich auch das Bild einer bunten, in diesem Jahr noch größer geratenen Demonstration durch die Innenstadt. Zugleich aber bleibt ein Fragezeichen im Raum. Denn Duisburg zeigt zwar an diesem Tag Haltung und bekennt sich zur Vielfalt. Doch Vielfalt muss jeden Tag gelebt und verteidigt werden. Dies ist ein Appell an die Verbündeten — an die, die widersprechen, wenn sie Diskriminierung hören, und Räume öffnen, statt sie zu verschließen. Besonders in Zeiten wie diesen.




