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Der Fassbinder, die Juden und die Kunst

Von Dr. Werner Jurga
30. September 2009
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Ein alter jüdischer Witz. Kommt ein Kaufmann zu seinem Rabbi und beklagt sich: „Alle sagen, ich sei reich. Dabei bin ich gar nicht reich.“ „Nun“, erwidert der Rabbi, „wenn alle sagen, Du seiest reich, dann bist Du reich!“

Als Autor bin ich ganz gut. Das sagen jedenfalls alle. Vielleicht auch als Politikberater oder als MS-Berater. Einst hatte ich mich als Politiker versucht; das war nicht so gut. Und als Theaterkritiker will ich mich gar nicht erst versuchen. Da habe ich einfach nicht das Zeug zu. Keine Spur von Talent.

Rainer Werner Fassbinder war alles Mögliche, aber gewiss nicht „ganz gut“. Er war ein Genie. Wenn dieses Wort überhaupt einen Sinn macht, dann gehört er jedenfalls zu dieser Spezies dazu. Ein Genie.
Fassbinder war sehr gut, außerordentlich gut; so wie die Dinge liegen, werden weder Sie noch ich ähnlich tiefe Spuren posthum hinterlassen können wie er. Da brauchen wir gar nicht erst den Rabbi fragen.
Fassbinder war ein Ausnahmekünstler, ein genialer Filmemacher. „Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird“, war sein Motto. Er hat den deutschen Film revolutioniert. Er war ein sensationeller Regisseur, beim Film wie am Theater. Auch als Schauspieler war er ganz gut. Als Stückeschreiber eher nicht so, sagen jedenfalls alle.

Morgen wird, wenn alles glatt geht, Fassbinders Theaterstück “Der Müll, die Stadt und der Tod”  in Mülheim, im Theater an der Ruhr aufgeführt. Ich habe das Stück noch nie gesehen. Wie auch? Fassbinder hat es 1975 geschrieben. Dem Stück bzw. seinem Autor wurde und wird Antisemitismus unterstellt.
Aufgrund der vielen Proteste wurde erst nach Fassbinders Tod 1982, nämlich 1985, der Versuch unternommen, es in Frankfurt, eben der besagten Stadt, aufzuführen. Der Versuch scheiterte in den tumultartigen Protesten, vor allem der jüdischen Gemeinde. Deutschland hatte seinen handfesten Theaterskandal.

Ich habe auch nicht den – im Handel erhältlichen – Text des Fassbinder-Stückes gelesen. Aber ich habe Mitte der Achtziger alles gelesen, was mir dazu in die Finger kam. Und ich habe in den letzten Wochen alles gelesen, was mir dazu auf den Bildschirm kam.
Aus alledem habe ich den Eindruck gewonnen, dass “Der Müll, die Stadt und der Tod” kein judenfeindliches Theaterstück ist. Es „spielt“ mit antisemitischen Klischees, zweifellos. Seine im Grunde gegen den Antisemitismus gerichtete Intention sei, so lese ich, auch für geübte Theaterbesucher nur schwer erkennbar. Sie sei, falls vorhanden, schlecht umgesetzt.
Morgen in Mülheim solle dies anders werden, versichert der Leiter des Theaters an der Ruhr, Roberto Ciulli und lud die Verantwortlichen der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen zu Probenbesuchen und Gesprächen ein.
Ciulli konnte Jacques Marx, den Vorsitzenden der Gemeinde, und Michael Rubinstein, den Geschäftsführer, nicht überzeugen. Sie erklären:
„Der Versuch, dem Stück, …. eine aufklärerische Zielsetzung zu verleihen, die Antisemitismus entlarvt und damit bekämpft, muss als gescheitert angesehen werden.”

Gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland haben sie an das Theater eindringlich appelliert, dieses Stück nicht aufzuführen. Vergebens. Morgen, wie gesagt, soll es soweit sein.

Ich bin, wie ebenfalls bereits angemerkt, kein Theaterkritiker. Ich habe es nicht so mit der Kunst. Und ein Liberaler bin ich sowieso schon mal nicht. In Mülheim, wo ich (auch politisch) groß geworden bin, habe ich gelernt, wie wichtig die Freiheit der Kunst ist.
In den 1970er Jahren hatte die Stadt mitten in die Fußgängerzone eine Säule eines namhaften Künstlers hingestellt. Sah echt gar nicht gut aus. Und noch hässlicher sahen die wütenden Proteste der sich gerade formierenden grünen Szene gegen diese Architektur aus. Ich verzichte darauf, von den wochenlangen Aktionen der kleinbürgerlichen Spießer zu erzählen; ich will nur sagen: die Freiheit der Kunst darf nicht zur Disposition irgendwelcher Leute gestellt werden!
Nur: die Juden sind nicht irgendwelche Leute. Es sind Betroffene, denen unangenehme Erinnerungen kommen, wenn der „reiche“ Jude als Blutsauger, Spekulant, Betrüger, Mörder und zudem als geil und rachsüchtig dargestellt wird. Und wenn – offenbar gezielt – auf den damaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Ignaz Bubis, angespielt wird.

Die Freiheit der Kunst ist verfassungsmäßig garantiert. Sie ist dabei – genau wie die Wissenschaft – nicht einmal an die freiheitlich demokratische Grundordnung gebunden. Und das ist richtig so. Es kann gar nicht in Frage kommen, dass der Staat ein Fassbinder-Stück verbietet.
Die Freiheit der Kunst gilt auch für schlechte Kunst. Wer bestimmt eigentlich darüber, welche Kunst gut und welche schlecht ist? Egal.
Nicht egal: wer bestimmt eigentlich darüber, was Kunst ist und was nicht? Dürfte ich zum Beispiel in Nazi-Aufmachung in einer Fußgängerzone eine Show abziehen, wobei ich brülle „Die Juden sind unser Unglück!“ und dies als Aktionskunst bezeichnete?
Fragen über Fragen. Rechtliche Fragen. In Bezug auf Fassbinder sollte nichts verrechtlicht werden. Viel einfacher wäre es gewesen, das Theater an der Ruhr hätte schlicht auf diesen geplanten Tabubruch mit viel Publicity und pipapo verzichtet. Diese Größe hat Ciulli nicht. Seine Nummer wirkt geil und geldgierig. Eine Uraufführung in Deutschland. Andernorts lief das Stück übrigens schon, zum Beispiel in New York, in Paris oder auch in Tel Aviv. Es fand keine große Beachtung.

Jetzt in Mülheim an der Ruhr. Ein echter Knaller. Freiheit der Kunst? Na klar! “Der Müll, die Stadt und der Tod”? In Deutschland? Nein Danke!

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