Marxlohland: Ein Stadtteil jenseits von Schwarz und Weiß

Das Wunder von Marxloh ist verblasst. Was 2010 noch im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres als ein Stadtteil mit gelungener Integration – “1.000 Bräute für Marxloh”, “Rosenpavillion” – dargestellt wurde ist knapp 10 Jahre später ein Stadtteil, der als “No Go”-Area betitelt wird. Ein Stadtteil, der die ganze Strenge des Gesetzes verdient habe, so die allgemeine Meinung. Wer sich zu Marxloh zu Wort meldet hat selten Gutes zu berichten.
Dabei wird zwar über die Menschen im Stadtteil gesprochen, aber selten mit ihnen. Auf Tuchfühlung mit den Menschen hat sich für den Film “Marxlohland” Stephanie Hajdamowicz begeben. Sie zeigt mit ihrem Dokumentarfilm die Sichtweise von Menschen, die im Stadtteil wohnen, aufgewachsen oder zugezogen sind. Dabei wird klar: Was für eher wohlhabende Arbeiter*innen in der EU gedacht war, nämlich die freie Wahl des Wohnortes und des Arbeitsplatzes, wird natürlich auch von Leuten genutzt, die für sich in ihrem Heimatland keine Perspektive sehen. Dass dann diese Menschen auf ein System treffen, dass nicht darauf vorbereitet ist sie Willkommen zu heißen ist eines der Probleme, die nicht nur Marxloh hat. Waren es früher die Italiener, dann die Türken – heute sind es Rumänen und Bulgaren, die für Dreck, Lärm und schlechte Manieren verantwortlich gemacht werden. Oder ist es nicht vielmehr das Versagen der Stadt Duisburg? Ein effizient organisiertes Ordnungsamt, Schulungen für die Bewohner*innen in deren Sprache, das Vermitteln davon, dass die Gesellschaft gelingen kann, wenn alle etwas dazu beitragen – das ist auch Aufgabe der Stadt. Die Aussage von Sören Link in Bezug darauf, dass er lieber Syrer als Rumänen oder Bulgaren hätte klingt da lange und nachhaltig in den Ohren…

Für Stephanie Hajdamowicz gibt es kein Schwarz oder Weiß, wie sie bei der Anmoderation des Films betonte. Für sie gibt es die Menschen mit ihren persönlichen Schicksalen, die sie begleitet hat. An ihnen scheint das System-Versagen genauso auf wie die Chancen, die es in Marxloh auch gibt. Beides wird gezeigt, der Zuschauende kann sich so sein Bild machen. Am Ende wird der Zuschauende um einige Erkenntnisse reicher sein. Wenn Pater Oliver sagt, dass Nächstenliebe allen Menschen gilt und also auch denen, die jetzt neu im Stadtteil sind dann bringt er die Botschaft der christlichen Religion bestens auf den Punkt. Wenn die inzwischen verstorbene Frau Maas auf die Frage, ob sie nicht der Vergangenheit aka der “guten alten Zeit” nachtrauere antwortet: “Nein. Ich lebe doch nicht in der Vergangenheit. Ich lebe heute und in der Zukunft”, ist das eine Sentenz, die man sich am Besten in Großbuchstaben übers Bett hängen sollte.

Insgesamt ist “Marxlohland” ein wichtiger Beitrag nicht nur für die Debatte in der Stadtgesellschaft sondern auch darüberhinaus. Ein Film, den man sehen sollte – nächste Gelegenheit gibt es eventuell im November im Filmforum.
Die Eröffnungs-Rede und die Verlesung des persönlichen Anschreiben der Bundestagspräsidentin Bärbel Bas ist im Video angehängt:














