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Alternative Akzentetexte: Heimat ist, wo Du ankommst

Von gastkommentar
19. März 2015
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Duisburger Akzente zur Heimat? Wir dokumentieren Texte von verdienstvollen Duisburgern. Die nach hier, nach Lehr- und Wanderjahren, kleben geblieben sind. Die Texte waren Grundstein einer Lesung in der Rheinhauser Galerie ‘Dat Atelljee’.

Drei Texte haben wir bislang gefangen, einen pro Tag werden wir veröffentlichen. Die Texte sind lang, aber die Geschichten der Menschen sind hochinteressant.

Als erster folgt der Text von Alex Kempkens, der ein weltweit berühmt-berüchtiger Reportagefotograf und Artman ist; nunmehr in Rheinhausen ansässig.

Alex sagt:

Im Dorf geboren zum Wanderer geworden (Migrant)

Ich war in der Heimat zu Hause, ein Ausländer in der Fremde und arbeitete dort lange Jahre als Gastarbeiter. Überall schaute ich aus einem Fenster. Nun schaue ich wieder aus einem anderen Fenster, in einer neuen Heimat und bin zufrieden.

Schaue ich zurück, das mit Humor und guter Laune, sehe ich meine Wanderwege, als von Geburt an vorgezeichnet. Es war Krieg, als meine Mutter wegen der Bombenangriffe auf Düsseldorf zurück in ihr Heimatdorf am Rhein zog. Geboren 1942 drei

lex Kempkens im Atelljee

lex Kempkens im Atelljee

Kilometer südlich der Brücke von Remagen im Krankenhaus von Linz am Rhein, war das Haus meiner Familie drei Kilometer nördlich der Brücke in Scheuren. Der winzige Ort gehört seit 1905 zu Unkel am Rhein. Es war meiner Mutter klar, dass sie nach dem Krieg selbstverständlich zurück in die Großstadt ziehen würde. Ihre beiden Geschwister blieben im Heimatdorf.

Bereits während des Krieges war das Haus meiner Mutter und Tanten Heimstätte für Flüchtlinge und Evakuierte. Sie lebte mit mir bis zur Rückkehr nach Düsseldorf in einem Zimmer, in dem auch meine Großmutter lebte und verstarb. Es war 1947, als ich zum ersten Mal auswanderte. Ich war fünf Jahre alt und wurde ein Migrant, der das Heimatdorf seiner Vorfahren verlassen musste. Von verlassen wollen konnte in dem Alter ja keine Rede sein.

Angekommen in der Großstadt, genauer gesagt in Düsseldorf – Gerresheim, wurde ich von den heimischen Kindern begutachtet. Dem Fremden, der ich für sie war, zeigten sie ihre Welt. Das einprägsamste Erlebnis war für mich ihre Führung zur alten Stadtmauer. Nur ein kleiner Rest, aber hier sei die letzte Hexe in Gerresheim verbrannt worden, erzählten sie mir. Die Hexe war 14 Jahre alt, als man sie anklagte und mit 16 Jahren wurde sie 1738 verbrannt.

Hallo, bitte? Was wollten die Kinder mir damit sagen. Oder anders gefragt, was haben die Erwachsenen den Kindern seit Jahrhunderten über diesen Ort erzählt und warum?

Klar doch – wenn du als Kind nicht brave bist – eine Hexe oder Hexer wirst, dann verbrennen wir dich hier. Ich habe mir das gemerkt – wie ihr seht bis heute. Die Kinder sagten mir damit unbewusst: „Respektiere uns und passe dich an“ – so kann ich das heute interpretieren.

Nun wollte es das Schicksal, dass meine beiden Tanten keine Kinder hatten. Ich wurde darum in den Schulferien von 1949 bis 1957 zu ihnen geschickt. Das heißt Weihnachtsferien, Osterferien, Pfingstferien, Sommerferien und Herbstferien addierten sich zu rund drei Monaten im Jahr, wo ich in der neuen Heimat nicht mit den Kindern spielte. Ich hatte mich also im Heimatdorf neu zu integrieren und danach wieder in der Stadt. Was blieb mir anders übrig, als zu lernen mich jedes Mal erneut anzupassen, mich dabei nicht zu verlieren.

Ich lernte, dass nicht jede Integration funktionieren kann – im Dorf war es später unmöglich Freunde zu finden. Die Zeit, die ich in den Ferien dort verbrachte, war dafür zu kurz. Jedes Mal kam ich als der Fremde aus der großen Stadt zu Besuch – für die Kinder von weit weg. Dafür wurden Bücher meine Freunde. Meine Mutter brachte mich jedes Mal mit dem Zug zu den Tanten und holte mich am Ende der Ferienzeit wieder ab. Sie wollte unter keinen Umständen in das Heimatdorf zurück, wie sie mir immer wieder sagte. Das Lied „Hänschen klein“ wurde mir zum Abschied von meinen Tanten vorgesungen – ich konnte es nicht mehr hören.

Damals, in der guten alten Zeit, startete man seine Lehre mit 14 Jahren am 1. April. Das hatte für mich den Vorteil, ich brauchte nicht mehr drei Monate in dem Dorf zu verbringen. Warum ich als Starkstromelektriker bei Mannesmann begann, ist eine eigene Geschichte. Natürlich wurden wir Lehrlinge sofort in die Gewerkschaft IG Metall aufgenommen. Zur Integration in die Gewerkschaft sollte es im Sommerurlaub mit der Gewerkschaftsjugend nach Schweden gehen.

Nur kam es anders, als von den Funktionären geplant. Ich lernte Pfingsten über meine Freunde die Pfadfinderschaft kennen und das fand ich abenteuerlicher. Also fuhr ich mit den Pfadfindern in meinem ersten Urlaub nach Österreich. Ab 16 reiste ich nicht mehr mit dem Zug, sondern per Anhalter, Trampfahrten, durch Deutschland und danach in einige Länder Europas. Hitchhiking in die Schweiz zum internationale Pfadfinderzentrum Kandersteg war meine erste große Einzelreise im Sommer 1958.

Story – meine Mutter half mir dabei den ersten Laster zu finden, der mich von Gerresheim (Düsseldorf) bis nach Freiburg mitnahm. Sie arbeitete bei der Gerresheimer Glashütte und wusste, dass am Abend die LKWs das Werk verließen, um lange Strecken durch die Nacht zu fahren. Sie fragte für mich am Tor so lange die Fahrer, bis sie ein Team fand, dass Gerresheimer Glass in den Süden brachte. So fuhr ich mit ihnen durch die Nacht und war am nächsten Morgen in Freiburg. Von dort ging es nach Kandersteg. In dem internationalen Pfadfinder Zentrum kam ich zum ersten Mal in Kontakt zu „Ausländern“. Zum einen einer Schweizer Pfadfindergruppe, der ich mich anschloss, zu Schotten und Holländer. Mein Dank gilt heute wie damals meiner Mutter, die mich reisen ließ.

Meine abenteuerlichste Reise war mit 18 Jahren eine Trampfahrt (Autostopp) im Sommer 1961 nach Istanbul. Als die Berliner Mauer am 13. August 1961 errichtet wurde, landete ich auf der Rückreise in der Nacht in Sofia, Bulgarien. Auch das ist eine lange Geschichte. Auch auf dieser Reise halfen mir Ausländer. In welches fremde Land ich auch reiste, überall fand ich freundliche Menschen, die mir halfen.

Älter geworden ging es nun Sonntagfrüh nach dem Kirchgang in die Stammkneipe, um mit Freunden und Bekannten beim Frühschoppen zu quatschen. Damit startete ein neuer Bekanntenkreis – Network, wie man heute sagt. Ich begann damals intensiver zu fotografieren und das sprach sich herum. Den ersten Job als Fotograf erhielt ich von einem Bekannten aus der Kneipe. Er schrieb einen Bericht über Umweltverschmutzung und brauchte dazu Fotos. Er fragte mich, ob ich die Fotos für ihn machen würde. Ich nahm den Auftrag an, denn er bezahlte die Arbeit. Ein kleiner Betrag – und ich hatte mein erstes Geld als Fotograf verdient.

Jack London, der amerikanische Schriftsteller, schrieb in einem seiner Bücher, dass die beste Anlaufstelle für Informationen und Jobs in einer neuen Stadt die Bar des Ortes sei. Recht hat er, auch wenn es in anderen Fällen der Pastor der Dorfkirche sein kann. Eine Information von A. E. Johann aus dem  Buch mit „Zwanzig Dollar in den Wilden Westen“ von 1928.

Zeitsprung – Vom Elektriker zum Fotoreporter, das Hobby wurde zum Beruf.

Eines Tages besuchte ich einen Freund, der eine Fotografenlehre machte. Wir sprachen über dies und das und er sagte zu mir: „Warum wirst du nicht Fotoreporter? In der Zeitung Düsseldorfer Nachrichten sind gute Bilder. Rufe doch den Fotografen an.“ Gesagt getan. Sofort angerufen und am gleichen Nachmittag einen Termin bekommen. Am Ende des Termins hatte ich einen Job als Bildberichterstatter-Volontär. Ein Jahr später wurde ich nach Neuss versetzt. Dafür kaufte ich mein erstes Auto. Doch ein VW kam für mich nicht infrage, sondern ein roter NSU-Prinz musste es sein.

Das Schicksal hat manchmal seltsame Vorschläge zur Hand. Mein Freund hatte seine Fotografenlehre beendet und sich bei der Deutschen Presseagentur (DPA) in München für eine Stelle beworben. Er hatte den Job bekommen, aber dann erhielt er ein Schreiben von der Bundeswehr. Er sollte im Herbst eingezogen werden und dadurch konnte er die Stelle nicht annehmen. Er fragte mich: Hey, willst du nach München? Ich sagte: „Ja klar.“

Also in München angerufen, Termin vereinbart, mit dem Zug hin und nach dem Gespräch mit dem Büroleiter hatte ich einen neuen Arbeitgeber. Da ich für den Job ein eigenes Auto brauchte, schnell ein neues gekauft. Das war nun ein NSU-TT, Farbe Rot und mit getuntem Fahrwerk. Das war der Rat der „Rennsportlegende Manfred Kilian“ in Neuss, der eine NSU-Werkstatt hatte und mit von ihm getunten NSU-TTS Rennen fuhr. Wir kannten uns gut und er sagte: „Das getunte Fahrwerk brauchst du zum Überleben – so wie du Auto fährt.“ Recht hatte er und die Firma „Kilian Tuning“ führte die Arbeit aus. Dann noch Spike-Reifen aufgezogen und am 1. Dezember 1968 kam ich in München an. Natürlich gab es auf der Strecke von Nürnberg nach München noch einen kleinen Schneesturm, als es die Berge hochging.

Wie war die Integration in Bayern?

Als Erstes lernte ich Grüß Gott oder Servus und statt Brötchen Semmel zu sagen. Es ist immer die Frage wie weit integriert man sich? Als Preuße, da nördlich der Donau beheimatet, habe ich nicht versucht bayrischen Dialekt anzunehmen. Ich sprach weiter Preußisch und habe damit gute Erfahrungen gemacht. Wenn ein Saupreuß versucht sich als Bayer zu verkleiden und dann auch noch Dialekt sprechen will – werden Ur-Bayern misstrauisch.

Bekannte und gute Kumpels hatte ich bald gefunden, richtige Freunde, nur einige, kamen später hinzu. Dank dem Training aus meiner Kindheit gelang es mir recht leicht mich zu integrieren. Natürlich half mir auch mein Job als Fotojournalist der Deutschen Presseagentur und der Kontakt zu meinen Kollegen der anderen Zeitungen und Agenturen mich schnell einzuleben und neue Bekannte und Freunde zu finden.

Story – die auch Rheinhausen betrifft.

Ab 1. Dezember 1968 war ich Fotograf der DPA und mein erster großer Einsatz war die Silvesterparty1968/1969 zur Verlobung von Arndt von Bohlen und Halbach (Krupp) und Henriette von Auersperg in Kitzbühel. Jungrentner Arndt musste heiraten. Das war eine der geheimen Bedingung, die alle kannten, um seine Rente von zwei Millionen pro Jahr zu erhalten. Er hatte darum ja auf sein Erbe als ältester Krupp Nachfolger verzichtet.

Eingeladen war der mitteleuropäische Jet-Set, natürlich auch Toni Sailer. „Formal Dress“ (eine vorgeschriebene Kleiderordnung) wurde auch von uns Fotografen verlangt. So hatte ich meinen guten blauen Anzug mit nach Kitzbühel genommen. Nach Kitzbühel begleiteten mich meine damalige Freundin und ein Freund aus Düsseldorf. Die durften aber natürlich nicht mit zur Party. Als ich dann den blauen Anzug angezogen hatte, um zum Job zu gehen, da schaute mich meine Freundin an und sagte: So kannst du nicht gehen, darin siehst du nicht gut aus. Wenn die Freundin das sagt, dann höre ich auf ihren Rat. Also umgezogen: eine hellblaue Hose mit Umschlag und ein Fischgrät-Sakko angezogen. Sie war zufrieden und ich zog los.

Am Eingang zum Festzelt hatten bereits meine Kollegen Warteposition bezogen, und als die mich sahen, ging das Gemeckere los. „Unmöglich, das bereust du noch“ und so weiter und so fort, da die sich alle fein angezogen hatten. Mich ließ das kalt. Irgendwann kam der Zeremonienmeister, um uns gnädig hereinzulassen. Als er mich sah, kein formal Dress an, stutzte er und fragte mich, wieso ich rein wollte. Ich zeigte ihm schweigend meine zwei Auftrags-Schreiben. Das eine von der Deutschen Presseagentur und das Zweite von der amerikanischen Nachrichtenagentur United Press International, kurz UPI. Er las die, sah mich an und ließ mich schweigend passieren.

Als meine Kollegen dann unter dem Jet-Set waren, starteten sie wie richtige Paparazzos zu fotografieren. Ich kannte damals niemanden der anwesenden Jet-Set Gäste und fotografierte darum auch alle Leute, auf die sich meine Kollegen und Kolleginnen stürzten. Nach Mitternacht mussten wir Journalisten wieder raus und ich konnte zurück ins Hotel, um endlich mit meiner Freundin Sylvester richtig zu feiern.

Zeitsprung – Von München nach Montreal, Quebec, Kanada

Einwandern oder nur Gastarbeiter sein.

Zwei Jahrzehnte später wurde ich nach Montreal eingeladen und landete dort eines Tages mit einem Arbeitsvertrag auf Zeit als Gastarbeiter. Das Arbeitsvisum galt für sechs Monate. Wie es mir gelang das Visum nach den ersten sechs Monaten Jahr für Jahr zu verlängern ist eine lange Story, die ich ein anderes Mal erzählen.

Ich hatte damals nicht vorgehabt nach Kanada einzuwandern. Der Rat eines guten Bekannten in München lautete: Versuche doch so lange in Kanada zu bleiben, wie es geht. Diesen Rat fand ich interessant und so wurden aus den sechs Monaten acht Jahre, die ich in Kanada verbrachte – das immer mit einem gültigen Visum.

Ich konnte damals kaum Englisch und kein Französisch. Darum hatte ich mir vor dem Abflug im Buchladen des Frankfurter Flughafens noch einige Bücher zum Englisch lernen gekauft. Besonders eins über englische Präpositionen war mir wichtig. Ich habe es immer noch. Da mein Arbeitgeber Deutsch sprach, waren die ersten Wochen nicht so schwierig zu meistern. Ich habe mich aber sofort daran gemacht täglich englisch zu lernen. Zu erst sprechen, hören und lesen. Das startete auf der Arbeit.

Schnell entdeckte ich die wunderbaren Cafés von Montreal. Dort konnte ich stundenlang sitzen, englische Zeitungen und Bücher lesen und versuchen die Texte zu übersetzen. Parallel dazu startete ich mit Französisch. Der Vorteil war, dass in diesen Cafés es sehr leicht war Kontakt zu Montrealern zu bekommen, und zwar zu Quebekern – Frankokanadier, die fließend in beiden Landessprachen kommunizierten und Anglokanadier, die ebenfalls beide Sprachen konnten. Einige wurden gute Bekannte und andere im Laufe der Zeit Freunde. Freunde, auf die ich mich auch heute noch verlassen kann, wenn ich Montreal besuche.

Die Sprache zu lernen ist zwar der Hauptfaktor, um sich als Migrant integrieren zu können, aber nicht der Einzige. Für mich war es einfach in verschiedenen Bevölkerungskreisen Bekannte zu finden. Mein Beruf als Fotojournalist setzte voraus, dass ich täglich mit neuen Menschen kommuniziere. Das war Teil meines Jobs, um sie fotografieren zu können.

Modern werden die Gruppen der Bekannten heute als Networks bezeichnet. Ein praktisches Beispiel, wie mehrere Networks zusammenwirken, damit man überlebt – meint Geld verdient.

In Montreal gibt es das Goethe-Institut und das hat eine Bibliothek, Tageszeitungen aus Deutschland und vieles mehr. Man kannte mich und ich erhielt von den Mitarbeitern des Goethe Institutes (1. Network) eines Tages den Job einen deutschen Text zu übersetzen. Den hat dort keiner verstanden. Ich habe den Text beim ersten Lesen auch nicht wirklich verstanden. Dank meiner Ausbildung bei Mannesmann war mir das Thema aber nicht fremd. Also übersetze ich den Text von Deutsch nach Deutsch und weiter nach Englisch.

Im Café spielte ich mit Franzosen und Engländer regelmäßig Schach – das 2. Network. Ich wusste, dass einer der Schachfreunde Ingenieur war. Dem zeigte ich den übersetzten Text und der verstand auch nix. Wir setzten uns daraufhin in eine ruhige Ecke, bestellten mehr Café und er fragte dann Satz für Satz, was da eigentlich gemeint ist. Das konnte ich ihm erklären und darauf schrieb er den Text in einem Englisch, wie es die Kanadier verstehen. Als er zufrieden war und sagte: „Nun versteht das auch ein Kanadier“, gab ich den Text an den Auftraggeber weiter und stellte die Rechnung. Der zahlte die aber einfach wochenlang nicht.

Nun kommt das 3. Network ins Spiel. Aus einem anderen Kreis kannte ich einen Manager. Zu dem ging ich und fragte, wie schreibe ich eine Mahnung? Er schrieb mir die Mahnung in Französisch. Ich schickte diese dem Übersetzungsbüro. Waren die empört, dass ich es wagte ihnen einen solchen Brief zu schreiben – teilten die mir mit. Ich sagte dazu nix und einige Tage später erhielt ich den Scheck.

Ein Bekanntenkreis (Network) aufzubauen, der einem hilft, geht nicht ruck zuck. So wie das einmal auf modischen Network-Partys behauptet wurde. Das braucht Zeit und man hat den Mitgliedern eines Networks auch etwas zu geben – in dem Fall des Ingenieurs – die Zeit zu haben mit ihm Schach zu spielen.

Zeitsprung

Zurück nach Deutschland und der Weg nach Rheinhausen.

Ich wusste nach rund fünf Monaten in Kanada mit Sicherheit, dass ich nicht einwandern würde. Das war ja auch vor der Reise nach Kanada nicht mein Plan. Man – ich also auch – gewöhnt sich aber an das Leben in Kanada und Montreal. Der Abschied nach 8 Jahren in der Stadt war nicht leicht. Wie in meiner Kindheit der Wechsel vom Dorf in die Stadt und von der Stadt ins Dorf zur Gewohnheit wurde, so gelang der Wechsel erneut. Ich hatte mich ja darauf vorbereitet. Die Rückkehr nach Deutschland betrachtete ich als erneutes Abenteuer – eine Herausforderung, der ich mich „wohlgemut“ stellte. Wie im Lied von „Hänschen klein“.

Wenn man nach so langer Zeit wieder in sein Land zurückkommt, dann ist es nicht immer ratsam in die Stadt zu ziehen, wo man zu Letzt gelebt hat. Das war mir klar, da ich mich an die Geschichten der Auswanderer und Rückkehrer in Büchern von vor 1900 erinnerte. Darum landete ich in Düsseldorf und nicht in München. Ein Freund von früher half mir beim Start. Mitte 1999 las ich die Nachricht: „Das Museum Küppersmühle wird in Duisburg eröffnet“.

Ich hatte inzwischen wieder einen deutschen Presseausweis und habe die PR-Agentur angerufen und mich zur Eröffnung einladen lassen. Das funktionierte und so ich kam zu diesem Fest. Es gab sehr, sehr gutes Essen und Weine – nach den Reden.

Da hatte ich noch keine Planung nach Duisburg zu ziehen. Ich hatte überhaupt keine Planung, wo ich eines Tages sein würde. So erlebte ich das Fest der Einweihung des Museums und spät am Abend wollte ich zurück nach Düsseldorf. Ich kam zur Tür raus und da rief jemand. „Hallo Alex“. Das war Ruth Bamberg, die ich in Montreal kurz getroffen hatte, als sie auf einer Studienreise dort zwei Tage mit Kommilitonen und Professor war. Sie hatte ein Studio in der Kupferhütte, wie auch ihr Mann, und ich besuchte sie dort und in Ruhrort. Ruth plante einen Umzug, und ich half dabei – kann LKW fahren.

Dadurch wurde das Studio frei und sie fragte mich: Willst du nicht hier einziehen? Warum nicht, wenn das Schicksal das so anbietet, dann greife ich zu. So zog ich also von Düsseldorf nach Duisburg. Da Ruth bereits für die Akzente 2000 eine größere Sache plante, fragte sie mich nach meinem Umzug: „Alex, kannst du nicht Bilder für die Ausstellung machen? Es müssen aber Mädchen in den Bildern sein!“ Darauf bestand sie. So stellte ich also das erste Mal zu den Akzenten 2.000 in Duisburg aus – natürlich Mädels, genauer Feen und Nymphen. Wo lernt man die in Duisburg kennen? Klar doch, damals im Old Daddy.

Nach einem Jahr erkannte ich aber, dass ich nicht in Duisburg-Stadt bleiben wollte. Ich sah von der Kupferhütte über den Rhein und dachte mir: Da drüben könnte es mir besser gefallen. Gesagt getan, wieder umgezogen und nun bin ich nach einem weiteren Umzug in Rheinhausen hier stationiert.

Und erneut sind es die Duisburger Akzente, die uns heute hier zusammenführten.

Integration in Rheinhausen. Stories.

Als ich 2001 in Rheinhausen ankam, da hatte ich noch mehr Haare auf dem Kopf – der Bart war allerdings noch kürzer. Kaum ging ich das erste Mal durch die Friedrich-Alfred-Straße, kam eine ältere Frau auf mich zu und frage: „Bist du jemand, denn man kennen sollte?“ Nee, sagt ich. Wir beide grinsten und ich wusste, dass sie an einen Rockmusiker dachte.

Später als der Bart länger war, wurde ich regelmäßig für den Weihnachtsmann gehalten – nicht nur von den kleinen Kindern. Eines Jahres ging ich kurz nach Weihnachten am Rhein spazieren und ein Mann sagte laut zu seinen Begleitern: „Da kommt der Weihnachtsmann“. Ich erwiderte: „Klar, aber nun bin ich im Jahresurlaub.“ Da lachte er, denn 364 Tage Urlaub sind ja nicht zu verachten und die hätte er auch gerne.

PS – es gibt ja einiges, was ich nicht erzählt habe – ja, ja kleine Geheimnisse verrate ich in einigen Jahren in meiner Biografie.

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