Rezension: „Im Leben nebenan“
Anne Sauer legt mit Im Leben nebenan einen leisen, gedankenscharfen Roman vor, der nicht auf große Enthüllungen setzt, sondern auf das stetige Reiben zweier Wahrheiten: Was, wenn wir an einer Abzweigung anders entschieden hätten – oder wenn das Leben für uns entschieden hätte? Der Roman nutzt eine clevere Ausgangslage (ein „Aufwachen“ in einer alternativen Variante des eigenen Alltags), um Fragen von Wunsch, Verantwortung und Zugehörigkeit ins Heute zu holen – ohne platte Parallelwelt-Spektakel. Dass Toni ihre beiden Lebensentwürfe quasi „nebeneinander“ wahrnimmt, macht sie zur Beobachterin ihrer selbst: eine Protagonistin in der seltenen Doppelrolle aus Akteurin und Zeugin, die permanent prüfen muss, was authentisches Begehren ist – und was bloß Gewohnheit, Erwartung oder Projektion.
Sauer schreibt klar, unaufgeregt und nah an Tonis Innenleben. Besonders stark sind jene Passagen, in denen das Buch die Ambivalenz von Mutterschaft und Kinderwunsch denkbar unsentimental, aber nie zynisch ausleuchtet: zwischen Erfüllung und Überforderung, Bindung und Selbstverlust, Geborgenheit und Enge. Gleichzeitig verweigert der Text eine einfache Wertung, welches Leben „besser“ ist – genau darin liegt seine Reife. (Die offizielle Buchprämisse – zwei Lebensszenarien, Humor und Gefühl statt Sci-Fi-Mechanik – stützt diesen Fokus auf Gegenwarts- und Beziehungsfragen statt Weltenerklärung. )
Ohne zu spoilern: Im Leben nebenan ist weniger Plotmaschine als Charakterstudie – und genau das ist seine Qualität wie sein Risiko. Wer äußere Dramatik erwartet, wird nicht dauerhaft gefüttert; wer innere Spannungen liebt, findet reichlich Reibungsfläche. Dass Sauer konsequent auf Deutungshoheit verzichtet, überlässt den Leser*innen einen produktiven Unfrieden: Man klappt das Buch zu und ringt weiter – mit Toni, aber auch mit der eigenen Biografie.
Fazit: Ein präziser, empathischer Roman über die fragile Kunst, sich im „richtigen“ Leben einzurichten – und darüber, dass „richtig“ selten eindeutig ist. Im Leben nebenan empfiehlt sich für Leser*innen, die psychologische Feinabstufungen und moralische Grautöne einem großen Knalleffekt vorziehen.






