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Eine Stimme der Besonnenheit

Von Dr. Werner Jurga
4. Januar 2010
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JABALIA REFUGEE CAMP, GAZA STRIP - FEBRUARY 15...

Image by Getty Images via Daylife

Nach den fehlgeschlagenen Anschlägen auf das Flugzeug nach Detroit und den dänischen Karikaturisten, inmitten der Terror-Hysterie und der Nacktscanner-Inszenierung hat sich nun endlich eine Stimme der Besonnenheit zu Wort gemeldet. Am Sonntag, den 3. Januar 2010, erschien auf SPIEGEL-ONLINE ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Peter Heine. Thema ist die islamistische Gewalt; als Überschrift wurde gewählt: "Man sollte die Gefahr nicht übertreiben".

Danach folgt, bevor das Gespräch wiedergegeben wird, die kurze Einleitung. Sie beginnt so: „Das gescheiterte Attentat auf den Karikaturisten Kurt Westergaard verstärkt Ängste vor religiösen Extremisten.“

Das mag sein. Es konnte bislang jedoch noch nicht genauer Untersucht werden, in welchem Ausmaß diese Ängste durch das Attentat in Aarhus „verstärkt“ worden sind. Das dürfte auch insofern nicht ganz leicht sein, weil einige Tage zuvor ein Anschlag auf ein Passagierflugzeug – zwar auch knapp gescheitert, aber immerhin – versucht worden ist. Ein versuchter Massenmord an Menschen, die von Amsterdam nach Detroit geflogen sind, mithin an Unschuldige. Genauso unschuldig wie die Todesopfer, die ein Gelingen am Boden in Detroit gefordert hätte.

Herr Westergaard dagegen war so unschuldig nicht. Er hat die Mohammed-Karikaturen gezeichnet. Deshalb kam er auf die Todesliste. Deshalb hat der Islamist ihm nach dem Leben getrachtet, was ihm nicht gelungen ist. Aber er hätte Westergaards Enkelkind etwas antun können, hat er aber nicht. Mal unter uns: macht Ihnen so einer Angst?

Mohammed zeichnen, machen eigentlich ohnehin nur die Wenigsten. Und seit der Aufregung um die Karikaturen vor vier Jahren, wagen sich noch weniger. Sie werden auch nicht gedruckt; vielmehr wird um Verständnis gebeten. Nein, nicht für die Karikaturisten, sondern für die Mörder. Ein Passivsatz, um welche Subjekte es sich handelt, können Sie hier lesen. Hier wollen wir mal sehen, was Prof. Heine so meint.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das in der Praxis dann vorstellen: Wie und warum wird jemand wie Westergaard zum Ziel erklärt?

Heine: Zunächst einmal: Die Beleidigung des Propheten durch diese Karikaturen ist für manche muslimischen Rechtsgelehrten, vor allem der radikaleren Art, tatsächlich ein todeswürdiges Verbrechen.

An dieser Stelle hätte ich mir gewünscht, mehr von muslimischen Rechtsgelehrten, vor allem der etwas weniger radikalen Art, zu erfahren. Einfach nur ein paar Namen derer, die „Beleidigung des Propheten“ tatsächlich nicht für ein todeswürdiges Verbrechen halten.

Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie Heine, der Islamwissenschaftler, implizit, unauffällig, aber völlig eindeutig Westergaard der Beleidigung des Propheten bezichtigt. Westergaard hatte mit Bezug auf 9/11 Mohammed mit einem Turban gezeichnet, der eine Bombe dargestellt hat. Um es ganz klar zu sagen: Heine ruft nicht dazu auf, Westergaard zu töten. Er stellt nur mir islamwissenschaftlicher Autorität fest, dass Westergaard sich der „Beleidigung des Propheten“ schuldig gemacht hat, wohl wissend, dass „manche Rechtsgelehrte“ und vielleicht noch ganz, ganz wenige nicht ganz so Gelehrte dieses Verbrechen für todeswürdig halten.

Die einen so, die anderen so. Da drängt sich die folgende Frage förmlich auf.

SPIEGEL ONLINE: Aggressiv wäre also nicht die Religion an sich?

Heine: Ich habe ein grundsätzliches Problem mit diesem Begriff: Was ist eine aggressive Religion? Eine, die ihre Positionen auf welche Art auch immer zu verbreiten sucht? Ja, gut: Dann finden wir aber nicht viel anderes als aggressive Religionen oder Ideologien in der Welt.

Da ich etwas gekürzt habe: die Rede ist vom Islam. Bei Spiegel Online. Heine dagegen kennt ohnehin nicht viel anderes als Religionen (oder Ideologien), „die ihre Positionen auf welche Art auch immer zu verbreiten suchen.“

Ja gut, sagt Heine. Ja gut, der Islam ist, sagt Heine, insofern eine aggressive Religion, als dass er Positionen auf welche Art auch immer zu verbreiten sucht. Ja gut, das auch einmal von einem Islamwissenschaftler zu hören. Er muss es ja wissen.

Heine kann jedoch nicht wissen, schon allein, weil dies außerhalb seines Kompetenzbereichs liegt, wie es um die Verbreiterungsabsichten bspw. des Judentums bestellt ist. Zu den jüdischen Missionaren in Lateinamerika oder Indochina fragen wir lieber einen Judaisten.

Ja gut, das ist den Spiegel-Leuten so spontan nicht eingefallen. Deshalb geht es – hier ungekürzt – so weiter:

SPIEGEL ONLINE: …weil die meisten die alleinseligmachende Weisheit für sich reklamieren. Was uns im Westen allerdings besonders erschreckt, sind Bilder wie die von Kindern, die von ihren Müttern in Mudschahidin-Kluft mit Bombenattrappen zu Festumzügen gebracht werden: die Glorifizierung des Märtyrertums. Spiegelt das die gesellschaftlichen Realitäten in den islamischen Ländern wider?

Jetzt raten Sie mal! Was wird Heine wohl antworten? Ja oder nein. Spannung, Trommelwirbel, Tusch:

Heine: Nein.

Und? Hatten Sie es richtig? – Also: Nein, nicht alle Muslime sind so „radikal“. Der Professor erläutert:

Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt, von denen gelten Schätzungen zufolge ein bis zwei Prozent als radikal.

Ein bis zwei Prozent „gelten“ als radikal, d.h. vielleicht sind sie es, vielleicht auch nicht. Vielleicht glorifizieren sie das Märtyrertum, vielleicht auch nicht. Klar ist jedenfalls, dass dieses Märtyrertum nicht allzu viel mit unserem lieben Herrn Jesus zu tun hat, der sich – warum auch immer – ans Kreuz hatte nageln lassen. Hier ist schon die Rede von Selbstmordattentaten. Dazu jedoch sind nur ein bis zwei Prozent der Muslime bereit, vielleicht.

1,5 Milliarden Muslime auf der Welt, wollen wir mal nachrechnen. 1,5 Millionen, also ein Tausendstel, wären eine Promille. Dann sind ein Prozent 15 Millionen Muslime, zwei Prozent dementsprechend 30 Millionen.

Das geht ja eigentlich noch. Das Dumme ist nur – auch hier wieder ungekürzt weiter im Text:

Die derzeitige Situation ist, dass eine bestimmte Form des Islams, wie er beispielsweise in Saudi-Arabien verbreitet ist, durch seine ökonomischen Möglichkeiten immer stärker expandiert. Also sich auch in Ländern, die bisher durch einen sehr toleranten Islam gekennzeichnet waren, stark verbreitet.

Was soll das heißen? Will uns der Islamwissenschaftler damit andeuten, dass der Prozentsatz potenzieller Selbstmordattentäter ansteigt, sich also das Reservoir für den Dschihad, um Heines beliebte Formulierung aufzugreifen, „stark verbreitet“?

Mit zu berücksichtigen wäre freilich das enorme Bevölkerungswachstum in den islamischen Ländern und der muslimischen Bevölkerung in der Diaspora. Gingen wir bspw. für das Jahr 2020 von zwei Milliarden Muslimen weltweit aus, von denen fünf Prozent „radikal“ sind, kämen wir in zehn Jahren auf hundert Millionen Dschihad-Kämpfer.

Wie bitte? Ich leide unter Islamophobie. Ach was, überhaupt nicht. Ich habe nur durchgerechnet, was Prof. Heine so beiläufig gesagt hat. Ein Islamwissenschaftler, der seine Absicht, das Phänomen des islamistischen Terrorismus bis zur Unkenntlichkeit zu marginalisieren, kaum verhüllt und miserabel umgesetzt hatte.

Nein, ich bin wirklich nicht besorgt – weder wegen des Dschihad-Terrors noch wegen der Integrationsprobleme, auf die das besagte Interview auf seiner zweiten Seite zu sprechen kommt. Ich bin vielmehr zuversichtlich, dass der Al-Qaida-Terror in zehn oder zwanzig Jahren erledigt sein wird, und dass die Integration der muslimischen Bevölkerung in die westlichen Gesellschaften – nach dieser Periode von Rückschlägen – weiter voran kommen wird.

Ich meine nur, man sollte über diese Probleme offen sprechen. Die Art und Weise, wie Heine im zitierten Interview spricht, ist nur ein Beispiel dafür, wie es nicht geht. Ein Prototyp dieses bigotten Geschwätzes, mit genau dem die Probleme verkleistert und die Lösungswege versperrt werden.

Ich neige auch nicht dem Rechtspopulismus zu. Im Gegenteil. Ich habe eine richtige Abneigung gegen beide Bestandteile dieses Modewortes. Gegen „Rechts“, weil ich keine Sehnsucht nach der Vergangenheit habe. Und gegen Populismus, weil ich das gesunde Empfinden egal welchen Volkes für enorm ungesund halte.

Wer sich weigert, über „real existierende“ Probleme offen zu sprechen, besorgt letztlich das Geschäft der Rechtspopulisten. Die sprechen nämlich immer, auch über jedes noch so komplizierte Problem. Und die bieten immer Lösungen an. Patentlösungen, die so einfach sind, dass selbst die Blödesten sie verstehen. Selbst Leute, die fast so blöd sind wie Nazis oder Dschihadisten, geraten dann in Wallung. Mit fast der gleichen Brutalität und Rücksichtslosigkeit.

Panikmache? Kennen Sie die Wahlergebnisse der Rechtspopulisten in den skandinavischen Ländern? Zum Beispiel in Dänemark? Wissen Sie, bei welcher Partei Kurt Westergaard reden darf, und welchen Parteien so ein Auftritt in jeder Hinsicht zu riskant ist?

Geben Sie es zu: Sie haben doch auch „Ängste vor religiösen Extremisten“. Aber doch nicht wegen des Attentats auf diesen Westergaard. Oder?

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