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Home›Politik›90 Jahre AWO – SPD-Chef Gabriel gratuliert "Wir können von unserer kleinen Schwester lernen"

90 Jahre AWO – SPD-Chef Gabriel gratuliert "Wir können von unserer kleinen Schwester lernen"

Von Thomas Rodenbücher
14. Dezember 2009
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 AWO-Logo_neuBerlin (ots) – "Wir sind Schwestern, die etwas gemeinsam haben: das rote Herz, das seit 90 Jahren für die AWO steht. Wir sind Kinder der Arbeiterbewegung", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel auf dem offiziellen Festakt zum 90. Geburtstag der AWO am Sonntag im Reichstag in Berlin. Gabriel, der seit 30 Jahren AWO Mitglied ist, erinnerte daran, dass die Arbeiterwohlfahrt als Selbsthilfeorganisation gegründet wurde, "eine Selbsthilfe, die Not tat, weil die Arbeiterbewegung als Paria galt und aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen war". Als Partei wie als Verein für organisierte Solidarität und sozialpolitischer Lobbyist habe die Arbeiterbewegung in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht – "doch jetzt gibt es erneut Bestrebungen der Unionsparteien, die "bürgerliche Mitte" für sich alleine zu reklamieren und erneut große Teile der Gesellschaft auszugrenzen. Diese Ausgrenzungen dürfen wir uns nicht gefallen lassen!", forderte der SPD-Chef.

Ob beim "Bürgergeld" der FDP oder dem "Betreuungsgeld" der CDU/CSU, "den angeblich bürgerlichen Parteien geht es nur um die Verteilung staatlicher Transferleistungen, es geht ihnen nicht um Chancengerechtigkeit und Möglichkeiten für die Teilhabe an der Gesellschaft", kritisierte Gabriel. "Das zeigt, wie unmodern deren Vorstellung vom Sozialstaat ist – und wie modern die AWO-Vorstellungen sind, für die benachteiligten Menschen unserer Gesellschaft Teilhabe und die Chance für ein selbstbestimmtes Leben zu organisieren."

Doch jetzt ist der Aufstieg sehr schwierig geworden, aber der Abstieg geht ganz schnell", sagte der SPD-Chef. Die Angst der Bürger wachse, abgehängt und ausgegrenzt zu werden, viel zu viele hätten von vornherein keine Chance dazuzugehören. "Was für ein Skandal, dass jedes Jahr 80 000 junge Leute die Schule ohne Abschluss verlassen", betonte Gabriel. Doch sowohl bei den dringend nötigen Investitionen in eine chancengerechtes Bildungssystem als auch bei der Arbeitsmarktpolitik und der Reintegration von Arbeitslosen "verlieren wir uns in technischen Debatten und drehen Rädchen im Sozialsystem". Dabei beinhalte der Kampf für eine moderne Sozialpolitik viel mehr als bürokratische Rechenkunststücke um die Höhe staatlicher Transferleistungen: "Für uns ist Sozialpolitik immer ein Mittel, um die Freiheit von Not und die Freiheit der Menschen für ihre Selbstbestimmung zu verbessern – die selbstverständlich auch Verantwortung geknüpft ist: Die Verantwortung für sich selbst kann man nicht abgeben, auch nicht an den Sozialstaat."

Gabriel betonte: " Wir müssen wieder ins Zentrum rücken, für wen Sozialpolitik da ist: Um den Menschen zu stärken, für Selbstbestimmung statt Abhängigkeit vom Sozialstaat." Dabei sei die Beziehung zwischen AWO und SPD so, "wie das bei Schwestern so ist, sie wollen nicht zugeben, dass man voneinander lernen kann, vor allem die ältere Schwester. Tatsächlich kann die ältere SPD von der etwas jüngeren AWO lernen, nämlich die gelebte, praktische Solidarität, die konkrete soziale Arbeit für ein selbstbestimmtes Leben der Benachteiligten in unserer Gesellschaft".

AWO Präsident Wilhelm Schmidt würdigte den historischen Ort der Jubiläumsfeier unter der Kuppel des Reichstags, in dem vor 90 Jahren die erste Frau vor einem deutschen Parlament sprach. Es war die SPD- Abgeordnete Marie Juchacz. Auf den Tag genau, am 13. Dezember 1919, "überredete sie die Herren des Parteivorstandes einen "Hauptauschuß für Arbeiterwohlfahrt" der SPD zuzulassen, so muss man es formulieren", sagte Wilhelm Schmidt, denn eine moderne Sozialpolitik wie Frauenpolitik steckte ja auch in der Arbeiterpartei noch in den Anfängen.

"Mildtätigkeit und Almosen für Benachteiligte waren nicht die Motive, vielmehr war die AWO von Anfang an kein rein karitativer Wohlfahrtsverband, sondern die organisierte "Hilfe zur Selbsthilfe" der Arbeiterschaft und stritt als politischer Lobbyverband für die Verankerung sozialer Rechte", betonte der AWO Präsident. "So ist der Aufbau und der Ausbau des Sozialstaatsprinzips zweifellos auch ein Verdienst der AWO" sowohl als politischer Lobbyist als auch in der praktischen sozialen Arbeit. "Unsere Leitmotive organisierte Solidarität, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz sind seit 90 Jahren nicht Theorie – wir leben das!", sagte Schmidt. "Der Antrieb und das Engagement von Hunderttausenden AWO Mitglieder konnten auch die Nazis nicht zerstören." Zum Gedenken an die brutal verfolgten und ermordeten AWO Mitglieder hat der Bundesverband im Jubiläumsjahr eine Gedenkstätte im ehemaligen KZ Sachsenhausen errichtet.

Die aktuell brisanten Herausforderungen der Sozialpolitik unterstreicht der jüngst vorgelegte AWO Sozialbericht "Was hält die Gesellschaft zusammen? – Zur Zukunft der sozialen Arbeit in Deutschland". Angesichts der großen sozialpolitischen Aufgaben unserer alternden Gesellschaft und der Auswirkungen der Wirtschaftskrise dürfe sich der Staat nicht immer weiter aus seiner Verantwortung zurückziehen, sagte Schmidt vor 200 geladenen Gästen in der Reichstagskuppel.

Dort gibt es auf der Fraktionsebene zu Ehren der AWO Gründerin einen "Marie Juchacz Saal" und unter der gläsernen Kuppel hängt ein stilisiertes Porträt der so klugen wie warmherzigen Vorkämpferin für Frauenrechte und Sozialpolitik. Die "Marie-Juchacz-Plakette", höchste Ehrung der AWO, erhielt auf der Jubiläumsfeier die langjährige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

Der AWO Bundesvorsitzende Rainer Brückers beschrieb in seiner Laudatio das große Herz und den klaren, gerne auch kühnen Verstand von Ulla Schmidt, "einer Frau, die sich wie keine andere seit 20 Jahren für eine verantwortungsvolle Sozialpolitik und insbesondere Gesundheitspolitik einsetzt". Mit "Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit und Erfolg" – und nicht zuletzt einer großen Portion rheinländischen Charmes – "hat Ulla Schmidt Maßstäbe gesetzt für eine soziale Politik die auf Gerechtigkeit, Solidarität und Teilhabe ausgerichtet ist", lobte der AWO Chef.

"Von all den Ehrungen, Preisen und als Rheinländerin natürlich auch Orden, die ich in 20 Jahren als Politikerin bekommen habe, bedeutet mir, ganz ehrlich, die Marie Juchacz Plakette am meisten", bedankte sich Ulla Schmidt. Denn die AWO Gründerin habe eine beispielhafte Vision verfolgt, wie unsere Gesellschaft gestaltet sein soll, "nämlich auf der Grundlage: Keine Herren, keine Knechte". So sei die AWO eine wertegebundene Organisation die den Leitgedanken verkörpere, der sie als 18-jährige in die Politik und die AWO gezogen habe: "Nur derjenige ist frei über sein Leben zu entscheiden, der für sich selbst sorgen kann".

So ist die AWO von starken Frauen geprägt. Bis heute dominieren sie die zahlreichen ehrenamtliche Aktivitäten des Verbandes mit 400 000 Mitgliedern und auch die Arbeit des modernen Dienstleistungsunternehmens mit bundesweit mehr als 14 000 sozialen Einrichtungen mit rund 145 000 hauptamtlichen MitarbeiterInnen. So diskutierte eine mit starken Frauen besetzte Podiumsrunde auf der Jubiläumsfeier die Errungenschaften und sozialpolitische Ziele. Was wurde erreicht, was fehlt?, fragte ZDF Moderatorin Dunja Hayali. "Nach wie vor sind Frauen völlig überrepräsentiert in den Niedriglohngruppen und völlig unterpräsent in den Chefetagen", sagte Professorin Dr. Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und des Goethe Instituts.

"Es gibt keine Gleichwertigkeit der Arbeit von Männern und Frauen. Was dazu führt, dass wir jetzt um den Mindestlohn in der Pflege kämpfen müssen, damit wir alle in Würde alt werden können", sagte Petra Grimm-Benne, SPD Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt.

"Dass Männer immer noch viel mehr Geld verdienen als Frauen ist ein Skandal. Und auch, dass die Verantwortung für die Kinder immer noch bei den Frauen liegt und sie in die alte Rollenverteilung drängt", sagte die junge Schauspielerin Anna Thalbach.

"Wissen ist Macht – das wussten die SPD wie die AWO schon in der Gründerzeit", bekräftigte Jutta Limbach. "Für ein besseres Miteinander kann auch jeder Einzelne etwas tun", verdeutlichte sie anhand der AWO Projekte "Kinderpaten" beispielsweise in Neukölln. "Allerdings sind von den 110 000 Menschen, die sich ehrenamtlich in der AWO engagieren, der allergrößte Teil Frauen und Männer entdecken dieses Möglichkeit, sich sinnvoll einzusetzen, erst ganz allmählich", sagte Olitta Seifriz, langjährige Vorsitzende des AWO Landesverbandes Bremen.

"Die Menschen sind müde geworden, die Welt verbessern zu wollen", befürchtete Anna Thalbach. Olitta Seifriz sagte dazu "Wie Marie Juchacz die Menschen motivieren konnte mitzumachen – das brauchen wir auch heute".

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