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Festivalbesuche auf und am Duisburger Dellplatz

Von Reinhard Matern
25. August 2014
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Festival Platzhirsch Dellplatz

Als ich mir einen Überblick über das Programm des diesjährigen Duisburger Festivals ‘Platzhirsch’ verschaffte, das auf dem und um den Dellplatz herum stattfinden sollte, war ich skeptisch: Nicht wenige der mich ansprechenden Veranstaltungen waren für die St. Joseph-Kirche am Dellplatz vorgesehen. Wie schrecklich eine Kirche hallen kann, wenn nicht Orgel- oder Chormusik erklingt, hatte ich bereits in der Salvatorkirche am Rathaus erfahren müssen, als dort vor einigen Jahren aushilfsweise und in einem anderen Zusammenhang konzertiert wurde. Sobald perkussive Klänge Einzug halten, wird eine Kirche leicht zu Teufels Großküche.

Der erste Festival-Tag, der Freitag, begann für mich mit Regen. Dieses Vorkommnis, das sich durch das Wochenende zog, beeinträchtigte das gesamte Festival, in besonderer Weise jedoch die Stände und Veranstaltungen auf dem Dellplatz. Samstag- und Sonntagabend ließen die Himmelsgabe zum Glück etwas abklingen, und der Besucherzuspruch auf dem Platz nahm deutlich zu. Die Temperaturen blieben für die Jahreszeit allerdings relativ niedrig.

Für den Freitag hatte ich mir “Neuland” und die “Mothers of Soundtrips” vorgenommen. Beide Gruppierungen sollten in der Joseph-Kirche auftreten, nacheinander. “Neuland” ist ein Duo, das sich aus den improvisierenden Musikern Thorsten Töpp (Git.) und André Meisner (Sax.) zusammensetzt. Angekündigt waren außerdem internationale Gäste, und es waren nicht wenige gekommen, deren Herkunft von Amsterdam, über Duisburg-Baerl und Dortmund bis nach Bagdad und Japan reichte. Sie zelebrierten die für mich spannenste und facettenreichste Veranstaltung, die ich während des Festivals zu hören und sehen bekam. Die Musik blieb rhythmisch vorsichtig und akzentuiert, schuf, den schwierigen Raumbedingungen angemessen, harmonisch schillernde Atmosphären, die sacht ineinander übergingen, ohne auf Störungen zu verzichten. Außer den Musikern war ein japanischer Tänzer dabei, der im Laufe der Veranstaltung durch die Flötistin aus Amsterdam herausgefordert wurde. Die Teilnehmer kreierten ein Gesamtkunstwerk, das begeistern konnte.
Die “Mothers of Soundtrips” ist eigentlich keine musikalische Gruppe, sondern setzt sich aus den Kuratoren einer Veranstaltungreihe zusammen, die in verschiedenen Städten von NRW präsentiert wird: “Soundtrips NRW – look inside”. Die einbezogenen Künstler kommen aus Duisburg, Düsseldorf, Köln, Bochum und Wuppertal. Speziell aus Duisburg war Philippe Micol (Klar.) dabei. Besonders aufgefallen ist mir der Tuba-Spieler Carl Ludwig Hübsch aus Köln, der nicht nur seinem Instrument ungewöhnliche Klänge entlockte, u.a. fiepende, sondern auch seine Stimme einsetzte, um zum Reichtum der Aufführung beizutragen. Martin Blume aus Bochum (Schlagz.) hielt sich wohlwollend mit harten Schlägen zurück und setzte von Glöckchen bis Besenschlag alles ein, um den Fortgang der Aufführung zu akzentuieren. Etwas enttäuscht war ich von einem speziellen Vorgang, dem herben Einbruch in Gunda Gottschalks (Vl.) Ausflug in asiatisch klingende Gefilde, durch Micols Klarinette, durch einen Vorgang, den man freilich auch als Kontrast interpretieren könnte. Doch dieses abrupte Zurückholen auf den Boden westlicher Akademien kam mir in der Situation etwas gängelnd vor.

Der Samstag, dies sei vorab betont, war nicht mein Tag, obwohl der Abend weitgehend regenfrei blieb. Ich hatte mir lediglich zwei Veranstaltungen rausgesucht, “Jazzpiya”, die auf dem Dellplatz zu Gast sein würden, und Harald “Sack” Ziegler im Djäzz. Dem in der Vorankündigung versprochenen musikalischen Spektrum kam “Jazzpiya” meinem Höreindruck nicht umfänglich nach. Erst im letzten Stück des Auftritts, das einen heiligen Berg im fernen Kurdistan thematisierte, gab es die harmonische Bandbreite, auf die ich gespannt war. Überwiegend waren die Stücke auf einfache Weise folkloristisch orientiert. Dies hat besonders einigen Landsleuten unter den Besuchern sehr gefallen, sie zum Tanzen und Mitsingen animiert. Ein Misserfolg war die Darbietung keineswegs. Aber meine Erwartungen waren andere gewesen.
Enttäuscht hat mich an dem Abend hingegen “Sack”. Nachdem es lange gedauerte hatte, bis die Veranstaltung endlich begann, setzte die Show mit uralten Liedern an, die ein Kontrastprogramm zur noch älteren “Hitparade” hätten bieten können. “… Bungalow, macht mich froh oh oh …” Nein! Vielleicht hätte der ehemalige Schlagerstar Jürgen Marcus einbringen können: “Na, na, na, na, na, na”. Mir reichte es!

Der Sonntag war freundlicher zu mir, wenn auch nicht ganz von Lasten frei. Pianospiel in einer Kirche, deren akustische Eigenschaften durchaus als problematisch zu beurteilen sind? Hans-Joachim Heßler bot auf dem Flügel Reisen durch die Musikgeschichte, angereichert durch eigene Variationen. Und der Klang fast jeden Anschlags pendelte von einer Wandseite zur anderen, wie ein Stereovibrator oder ein Pingpong-Echo. Es kann sein, dass das Mikrophon, das für Ansagen zwischen den Stücken diente, diese Effekte noch effektvoll unterstützte. Bei seinen eingeflossenen Variationen folgte er weitgehend den historischen Vorgaben. Über mehr Freiraum und Eigenwille hätte ich mich gefreut. Aber Heßler ist ein guter Interpret.
Pianisten sind stets auf der Suche nach geeigneten Werken, die sich neu entdecken lassen. Kai Schumacher, keineswegs nur hervorragender Instrumentalist, sondern auch ein Entertainer an den Tasten, widmete sich am Flügel vor allem amerikanischen Komponisten, die im frühen Zwanzigsten Jahrhundert teilweise für Skandale sorgten und im öffentlichen Konzertbetrieb in Vergessenheit geraten sind. Zum Abschluss kombinierte er sein Pianospiel mit Aufnahmen, die collagenhaft vom Laptop kamen, einen Liebesakt thematisierten – doch eine Intimität, die eventuell einen Bogen hätte spannen können, wollte sich nicht einstellen.
Die dritte Veranstaltung des Tages, die ich präferiert hatte, wurde durch “Ensemble Stufe 8” dargeboten. Die Gruppierung ist noch sehr jung, wurde erst im vergangenen Jahr (2013) gegründet, und widmet sich der Aufführung zeitgenössischer Musik. An Instrumenten waren Piano, Elektronik (Laptop), Klarinette, Violine, Akkordeon und Flöten beteiligt. Je nach Stück kann die Besetzung jedoch auch anders ausfallen. Grundsätzlich zeigt man sich offen. Ihr Spiel kann erfreulichweise als akurat bezeichnet werden, und das Piano störte die Aufführung der ausgewählten Stücke in der Kirche keineswegs. Der Geräuschpegel vom Dellplatz, der immer wieder eindrang, war weitaus nerviger. Einige Male war sogar aus der Ferne eine Gesangsstimme zu vernehmen, die Tonleiterübungen demonstrierte. Ihr Ursprung blieb für mich ungeklärt. Was mich nicht ganz überzeugte, waren die ausgewählten Kompositionen. Ein zeitgenössisches Stück, das vergleichsweise impressionistisch endet, oder ein Stück, in dem die Musiker allmählich dazu übergehen, Luftballone einzusetzen, wirkte auf mich etwas aufgesetzt.
Nach den drei Konzerten in der Kirche war am Sonntag für mich Schluss. Ich konnte nicht mehr sitzen! Die Holzbänke waren ein ziemlich harter Untergrund, für meinen verwöhnten Arsch.

Zum Schluss noch eine Anmerkung, die die immer häufiger anzutreffende Integration von Laptops als Musikinstrumente betrifft. Diese Integration misslingt regelmäßig! Nicht weil, wie in diesem Fall, die Boxen anders positioniert sind als die übrigen Instrumente, sondern weil der Klang ärmlich ist, digital geglättet, nicht selten höhenlastig, wie bei einem x-beliebigen Dolby-Consumer-Gerät, das vor allem für Pop eingestellt wurde. Vielleicht fällt dem einen oder anderen Künstler eine professionellere Lösung ein.

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