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Home›Politik›Neuer AWO Sozialbericht "Was hält die Gesellschaft zusammen?"

Neuer AWO Sozialbericht "Was hält die Gesellschaft zusammen?"

Von Thomas Rodenbücher
10. Dezember 2009
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Image via Wikipedia

Berlin (ots) – AWO analysiert riskante Entwicklungen bei Kinderarmut und Integration, Bildungsversagen und Prekariat, Minilöhnen und Pflegekollaps

Sozialbericht mit Selbstkritik "Zur Zukunft der sozialen Arbeit in Deutschland"

"Wenn die Reintegration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt künftig nicht deutlich besser gelingt, hat das weitreichende Folgen: Die Altersarmut in Deutschland wird rapide wachsen. Und die skandalöse Armut der Kinder von Langzeitarbeitslosen wird auch der nächsten Generation Zukunftschancen verbauen", unterstrich der AWO Bundesvorsitzende Rainer Brückers vor der Bundespressekonferenz am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des neuen AWO Sozialberichts "Was hält die Gesellschaft zusammen? – Zur Zukunft der sozialen Arbeit in Deutschland"

"Nicht nur angesichts der Wirtschaftskrise und ihrer sozialpolitischen Folgen sondern auch angesichts der Alterung unserer Gesellschaft ist die Leitfrage des Sozialberichts aktueller und drängender denn je", betonte AWO-Chef Brückers. Jetzt schon fühlen sich erhebliche Teile der Bevölkerung abgehängt und ausgegrenzt. Abstiegsängste machen sich bis weit in den Mittelstand breit. Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich immer lauter. Der Sozialbericht untersucht Hintergründe und Entwicklungen in den fünf Bereichen Bildung und Erziehung, Arbeitsmarkt, Migration, Behindertenhilfe und Psychiatrie sowie in der Altenhilfe. AWO Chef Brückers warnt vor alarmierenden Zusammenhängen: "Lohnarmut führt zu Kinderarmut und mündet in Altersarmut". Denn die völlig unzureichenden Hartz IV Regelsätze für Kinder machen ihnen die Teilnahme am ganz normalen Leben ihrer Altersgenossen unmöglich, die nächste Generation benachteiligter Kinder wird ausgegrenzt und abgehängt. "Unser stark selektiv wirkendes Bildungssystem produziert soziale Ausgrenzung – und damit hohe sozialpolitische Folgekosten", kritisiert Brückers. Mehr als 70 000 Jugendliche verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluß und sind praktisch chancenlos auf dem Arbeitsmarkt. Daran ändern auch die Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe viel zu wenig. Insbesondere zeigt der Sozialbericht die Probleme am Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf auf und empfiehlt das Konzept "Lokales Übergangsmanagement" als Alternative.

"Um Langzeitarbeitslose kümmern sich zig Institutionen. Doch viel zu viele sind nach zwei Jahren im Maßnahmendschungel immer noch ausgegrenzt und chancenlos", stellt der AWO Chef fest. "Was geht da schief?" Arbeitslose von Schalter zu Schalter zu schicken nutzt wenig und kostet viel. "Arbeitslose brauchen "Hilfe aus einer Hand", die Jobcenter/ARGEn müssen erhalten bleiben und keine Partei darf sich einem verfassungskonformen Kompromiß verweigern", betonte Brückers. "Auf dieser Grundlage sind individuell passende Maßnahmen nötig – paßgenau für den Kunden, nicht paßgenaue Kunden für standardisierte Maßnahmen." Der Sozialbericht dokumentiert, dass das sogenannte "Case Mangagement" noch nicht funktioniert, also die persönlichen Lebensumstände etwa von Alleinerziehenden nicht mitgedacht werden, oder auch die häufig multiplen Probleme von Lang-zeitarbeitslosen, etwa Sucht oder Depressionen.

Der Sozialbericht unterstreicht, wie dringend eine Trendumkehr im Bereich niederiger und niedrigster Löhne ist: Schon jetzt können weit mehr als eine Million Bürger von ihrer harten Arbeit nicht leben und brauchen Zuschüsse der Grundsicherung, um über die Runden zu kommen. "Es ist im Interesse der ganzen Gesellschaft Mini-Löhne zu bekämpfen und Mindestlöhne durchsetzen."Löhne müssen grundsätzlich armutsfest sein, sonst zahlen alle drauf. Die AWO hat deshalb den Mindestlohn in der Pflege auf den Weg gebracht und fordert die neue Bundesregierung nachdrücklich auf, ihre Blockade gesetzlicher Mindestlöhne zu beenden. Zudem analysiert der Sozialbericht das Diktat der demografische Entwicklung, dass wir deutlich mehr Beschäftigung für Ältere brauchen. "Mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters muss die Integration Älterer in den Arbeitsmarkt deutlich verbessert werden, andernfalls führt die Heraufsetzung zu inakzeptablen Rentenkürzungen und verstärkt massiv das Problem der Altersarmut".

Unsere alternde Gesellschaft steht insbesondere im Bereich der Pflege vor enormen Aufgaben, betonte AWO Präsidiumsmitglied Harald Groth auf der Bundespressekonferenz. "Seit vielen Jahren gilt das Postulat "ambulant vor stationär", aber es funktioniert immer noch nicht", kritisierte er. Der Sozialbericht zeigt, dass die gelten-den Finanzierungsstrukturen dem Vorrang der ambulanten und häuslichen Pflege, der von den Menschen gewünscht wird und der auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist, im Wege stehen. "Diese strukturelle Bevorzugung stationärer Pflege muss beendet werden", sagte Groth, "die Finanzierung ambulanter Dienste muss deutlich verbessert werden." Insbesondere die stark zunehmende Zahl der Demenzerkrankten erfordert einen Strukturwandel der Pflege, sowohl bei der ambulanten Unterstützung pflegender Angehöriger als auch bei den Konzepten – und der Vergütung! – der Pflege im Heim und in betreuten Wohngruppen. Dazu müssen bei der Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs die Beiratsvorschläge aufgegriffen werden.

Zudem gibt der Sozialbericht eine Antwort auf die Frage: Wenn alle die Integration behinderter Menschen bejahen und fördern wollen, warum sind dann so wenige wirklich im Arbeitsmarkt integiert? Tatsache ist, dass spätestens mit dem 10. Lebensjahr die Integration behinderter Menschen aufhört und es nur noch "Sonderschulen"gibt. "Nun endlich gibt es in der Behindertenhilfe eine Paradigmenwechsel: Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung und Teilhabe", sagte Groth. Das ist eine klare Absage an große Einrichtungen und Heime. Die Leitidee der "Inklusion" kann und muss dabei zu einem Perspektivwechsel für die Angebote der Behindertenhilfe und Psychiatrie führen.

Insgesamt warnte Groth vor einem "Kollaps der Pflege" durch den jetzt schon akuten Mangel an Fachkräften, der sich bald noch verschärfen wird – deshalb muss der Beruf insbesondere für junge Menschen attraktiver gemacht werden. Auch deshalb setzt sich die AWO für den Mindestlohn in der Pflege ein.

Die AWO steht für qualitativ hochwertige Dienstleistungsangebote, nicht für eine Low-Level-Pflege – dafür braucht es dringend den entsprechenden gesundheitspolitischen Rahmen. Dazu gehört eine Bürgerversicherung in die alle Einkommensgruppen einbezahlen – nicht etwa durch eine unsinnige "Kopfpauschale".

In der Realität sozialer Arbeit zeigt sich: "Nicht die Migranten sind integrationsunwillig, die Institutionen sind integrationsunfähig!" Auf der Bundespressekonferenz erzählte Christine Schubert aus der Praxis der AWO. "Aber es geht auch anders: Das Hausbesuchsprogramm Hippy holt Menschen raus aus der Isolation von "40 Quadratmeter Deutschland", sie sind nicht schwer erreichbar, man muss nur auf sie zugehen", erläuterte die Leiterin Integration und Migration der AWO Nürnberg. Das Programm stärkt die Erziehungskompetenzen der Eltern – und 97 Prozent der Kinder sind beim Schuleinstufungstest erfolgreich. "Aha, du bist wohl ein Hippy-Kind", hören sie oft von Lehrern und Ämtern.

Der AWO Sozialbericht illustriert ein aktuelles Beispiel: Gebt den Eltern statt eines bildungspolitisch katastrophalen Betreuungsgeldes einen Rechtsanspruch auf professionelle frühkindliche Betreuung und auch Migrantenfamilien werden ihn in Anspruch nehmen, so wie sie bereits den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz nutzen. In Migrantenfragen, Migranten fragen! Das ist das Leitmotiv für eine Neuausrichtung der Migrationssozialarbeit der AWO. Konkret: Die erste Migrantengeneration wird älter und kränker, doch in den Beratungs- und Pflegeeinrichtungen sind sie deutlich unterproportional zum Bevölkerungsanteil vertreten. So hat die AWO schon im Jahr 2000 ein Konzept zur Interkulturellen Öffnung ihrer Angebote beschlossen, das als wegweisend gilt.

Auf der Grundlage fundierter Analysen in den fünf Bereichen formuliert der AWO Sozialbericht konkrete Forderungen an Politik und Gesellschaft, um eine weitere Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich, in "Drinnen und Draußen", zu verhindern. Und erstmals packt sich ein Wohlfahrtsverband auch an die eigene Nase und fragt: Was bewirkt soziale Arbeit für die Integration benachteiligter Menschen? Ist sie Teil der Lösung, oder gar Teil des Problems?

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