Website-Icon xtranews – das Newsportal aus Duisburg

Rezension: Umlaufbahnen von Samantha Harvey

Mit ihrem Roman Umlaufbahnen (Originaltitel Orbital) begibt sich Samantha Harvey auf eine literarisch wie inhaltlich ungewöhnliche Reise: Sechzehn Mal am Tag umkreisen sechs Astronautinnen und Astronauten in einer Raumstation die Erde – ein dichter, poetischer Beobachtungsraum, der Fragen von Zeit, Heimat und Kosmos miteinander verknüpft.

Das Cover des Buches “Umlaufbahnen”, erschienen im DTV

Sechs Astronauten schweben in einer Raumstation durchs All. Den Planeten Erde umkreisen sie in 90 Minuten, sechzehnmal in 24 Stunden. Die zwei Frauen und vier Männer aus ganz unterschiedlichen Nationen arbeiten, essen und schlafen auf engstem Raum – und doch ist alles losgelöst vom Alltag, Schwerkraft und Zeitempfinden sind außer Kraft gesetzt. Was passiert, wenn man seine Heimat nur aus weiter Ferne durch ein kleines Fenster sieht? Wie verändern sich Denken und Fühlen? In dem Zeitraum von nur einem Tag, während die Sonne sechzehnmal auf- und untergeht, betrachtet dieser ungewöhnliche, kraftvoll poetische Roman die großen und kleinen Fragen der Menschheit und bringt uns der Schönheit des Universums ganz nahe.

Inhalt & Grundstruktur

Die Handlung folgt – in strengem Rhythmus – einem einzigen Tag im Orbit: Sechzig Minuten, sechzehn Erdumrundungen, ein Blick von oben auf einen Planeten, dessen Schönheit und Zerbrechlichkeit sich in atemberaubenden Bildern erschließt. Die Crew ist international besetzt, an Bord gibt es zwar professionelle Aufgaben, doch im Zentrum steht nicht Action oder dramatischer Plot, sondern Reflexion: Wie verändert sich das Wahrnehmen, wenn man seine Heimat nur noch aus großer Höhe sieht? Wie verschiebt sich das Zeitgefühl, wenn sich Tag und Nacht im Rhythmus der Raumstation neu organisieren?

Sprache & Stil

Harveys Stil ist meditativ, fast schwerelos: Längere Sätze, eine dichte Bildsprache, ein bewusst verlangsamtes Erzähltempo. Kritiker sprechen von „leiser Intensität“ und „Sprachpoesie“. Der Aufbau des Romans folgt dem strukturellen Muster der Umlaufbahnen – ein Kapitel pro Orbit – wodurch das formale Element eng mit dem Inhalt verwoben ist. Gleichzeitig kann diese stilistische Ausrichtung bedeuten, dass Leser:innen, die ein konventionelleres Erzähltempo oder klar ausgeprägte Handlung bevorzugen, hier weniger Emotionalität oder Spannung erleben – wie Rezensionen zeigen.

Stärken & Schwächen

Stärken:


Schwächen:

 

Fazit

Umlaufbahnen ist kein «leichter» Roman – aber einer, den man lesen sollte, wenn man bereit ist, sich auf eine sprachlich intensive, kontemplative Reise einzulassen. Samantha Harvey gelingt es, einen Dokumentar- und Erlebnisraum im literarischen Gewand zu schaffen: Die Raumstation wird zur Plattform, von der aus wir unser Verhältnis zur Erde und zu uns selbst neu betrachten können.

Wer also Lust auf Literatur hat, die mehr reflektiert als dramatisiert, die Raum gibt für Fragen statt Antworten, bekommt hier ein eindrucksvolles Werk – das allerdings Ruhe und Offenheit erfordert. Die gebundene Ausgabe ist für 22 Euro im Buchhandel erhältlich.

 

Die mobile Version verlassen