
Stichwort: Alpenidylle. Der Komponist, der den zweiten Teil des Abends füllte, hat zwar auch eine “Alpensymphonie” geschrieben an diesem Abend ging es eher um die Auseinandersetzung mit Nietzsches “Also sprach Zarathustra”. Dabei ist Strauss Einleitung – der Aufgang der Sonne in den Bergen, womit wir zumindest wieder auf der Höhe sind – eines der bekanntesten Themen innerhalb der Science-Fiction-Kinogänger-Gemeinde. Wenn der SF-Fan ein klassisches Werk zu Hause hat, dann mit Sicherheit eine dieser Klassik-im-Film-Zusammenstellungen mit dieser bekannten Einleitung. Wobei Strauss’ Tondichtung ja sehr viel mehr zu bieten halt als nur diesen grandiosen Anfang. So ist unter anderem das Fugenthema durchaus schon in die Nähe der Zwölftonmusik zu rücken, wenngleich das vermutlich auch nicht der Wille des Komponisten war. Doch die Noten lassen da einen Vorgriff deutlich erkenen. Ebenso ist das Werk reich an Klangfarben: Von der Solovioline über Solostreicher bis hin zum vollem Orchester ist alles erlaubt. Es ist erstaunlich, dass das Stück einen so unmittelbaren Zugang hat – die wenigsten dürften Nietzsches Buch kennen. Es ist mal wieder der Beweis dafür, Musik als wirkliche Sprache der Welt anzusehen.
Leicht und luftig wurde das Konzert dann mit Henzes “Das Vokaltuch der Kammesängerin Rosa Silber” eröffnet. Ein Werk, das mit Strawinsky-Anklängen daherkommt, neoklassizistisch angehaucht, vokalisenartige Passagen im Orchester. Eine Vokalise ist ein sehr harmonisches Stück, bei dem die Sängerin nur einen oder mehrere Vokale singt. Ein “Lied ohne Worte” also. Es gibt sehr berühmte Vokalisen im Repertoire der Konzerthäuser – und Strawinsky hat auch selbst etliche komponiert. Wenn Henze als bewußt diesen Komponisten anführt, bezieht sich die Hommage nicht nur auf die Stilart des Werks. Die leichte, luftige Instrumentierung, die die Vokalisen unterstützt, trägt noch ein Übriges dazu um dieses Stück sanglich zu gestalten. Ob Paul Klee, der das Bild schrieb, dass Henze hier musikalisch umsetzte, eine reale Rosa Silber oder ein Ideal vor Augen hatte wissen wir nicht. Was wir aber wissen: Henzes Werk ist tatsächlich ein Tuch – ein Tuch aus Klängen, das sich vor unseren Ohren entfaltet.