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Das Fragezeichen als Auftrag: Der Akzeptanzpreis 2026

Madita Haustein, Regenbogenmama, Podcasterin („Gay Mom Talking”), erhält den Duisburger Akzeptanzpreis 2026. Bei der Preisverleihung verhandelt Duisburg, was hinter den Regenbogenfahnen der Stadt steckt. Denn ein Satzzeichen im Motto des CSD hatte für Irritation gesorgt.

Echauffieren kann man sich heutzutage leicht. Manchmal vielleicht auch über die falschen Dinge. So sorgte das Motto des CSD in diesem Jahr für hochgezogene Augenbrauen und etliche Kommentare. “DUISBUNT – Stadt der Vielfalt?!” Ist denn, so wurde gefragt, Duisburg nicht bunt, nicht vielfältig? An Sonntagnachmittag steht diese Frage wie der bekannte Elephant im Raum. Auch, wenn Christian Karus, Vorsitzender von DUPride das in seiner Ansprache etwas gelassener sehen möchte. Allerdings: Gerade weil das Fragezeichen irritiert habe es seinen Zweck erfüllt. Denn das Ausrufezeichen, so Karus, sei der Anspruch. Das Fragezeichen der Auftrag. Ist Duisburg wirklich sicher für alle? Angesichts der steigenden Gewalttaten gegen queere Menschen eine sehr berechtigte Frage. Karus rechnet aber nicht mit der Stadt ab, sondern würdigt deren Schritte in die richtige Richtung. Aber ob das reicht? Eine gehisste Flagge, die wachsende Ansprechbarkeit, der Aktionplan Queer. Allerdings: Papier ist geduldig. Karus erinnert daran, dass ein Text gelebt werden muss: Klare Ziele, benannte Verantwortlichkeiten, Zeitpläne, Ressourcen, Überprüfung. Wenn das nicht gegeben ist, dann “ist er vielleicht nur heiße Luft.” Dass längst nicht selbstverständlich ist, was selbstverständlich sein sollte kann man nicht allein an einem Satzzeichen festmachen. Es reicht schon das Hissen der Fahne vor dem Rathaus. Sichtbarkeit, das ist die bittere Pointe und leider auch immer noch die Erfahrung, macht eben auch sichtbar, wo die Ablehnung sitzt. Gerade deshalb sei die Regenbogenflagge kein Dekorationselement, sondern ein Schutzversprechen. “Eine Stadt der Vielfalt zeigt sich nicht nur daran, dass sie Flaggen hisst. Sie zeigt sich daran, wie sie reagiert, wenn Menschen unter diesen Flaggen angegriffen werden.”

Dass dieses Versprechen von offizieller Seite erneuert wird, dafür sorgt Bürgermeisterin Edeltraud Klabuhn. Sie erklärt den Namen des Preises, der seit 2013 verliehen wird: Die Brücke der Solidarität, jenes Bauwerk, das seit dem Rheinhausener Arbeitskampf untrennbar mit Duisburg verbunden ist, sei kein rein steinernes Symbol, sondern ein Versprechen der Stadtgesellschaft, niemanden am Rand stehen zu lassen. Die queere Community sei kein Nischenphänomen, sondern ein tragender Pfeiler dieser Stadt. Und dann, hier wird sie besonders deutlich: Queerfeindlichkeit habe in Duisburg keinen Platz. Akzeptanz sei kein Zustand, der einmal erreicht wird und dann fortbesteht – sie sei eine tägliche Aufgabe. Man müsse jeden Tag aufs Neue beweisen, dass die Brücken tragen. “Eine solidarische Stadtgesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass alle die gleichen Chancen und Rechte – und ganz wichtig, denselben Respekt erfahren. Gerade weil wir unterschiedlich sind.”

Dass dieser Empfang in einem Museum stattfindet, ist längst Tradition und in diesem Jahr mehr als Kulisse. Das Haus, in dem auch das Zentrum für Erinnerungskultur beheimatet ist, bereitet eine Ausstellung über die queeren und feministischen Seiten der Stadtgeschichte vor. Vielfalt, so die Botschaft, ist keine Erfindung der Gegenwart. Bis Ende Juli sammelt das Museum dafür Erinnerungsstücke. Das können unter anderem Fotos aus dem Eschhaus sein. Aber auch Zeugnisse der Frauenbewegung, Alltagsgegenstände aus Regenbogenfamilien. Zwei Objekte sind schon da und erzählen im Kleinen die ganze Spannweite: die Regenbogenfahne, die 2015 erstmals vor dem Duisburger Rathaus gehisst wurde; der fehlerhaft gravierte Stolperstein für Hans Fuchs, Spielleiter der kooperierenden Stadttheater Bochum und Duisburg, Sozialdemokrat, Jude, schwul, dem 1930er-Jahre-Deutschland gerade noch nach England entkommen. Zwischen diesen beiden Objekten liegt fast ein Jahrhundert und die Antwort auf die Frage, warum Erinnerung und Akzeptanz zusammengehören. Ein Name für die Ausstellung stand noch nicht fest, aber die Gäste und Gästinnen konnten anschließend einige Vorschläge bewerten. Man darf gespannt sein, was sich durchsetzte.

Im Zentrum des Nachmittags aber steht eine Frau, die aus einem einfachen Satz ein Lebensprogramm gemacht hat: Madita Haustein, Regenbogenmama, Podcasterin („Gay Mom Talking”), erhält den Akzeptanzpreis 2026. „Liebe macht Familie.” Haustein spricht diesen Satz nicht nur aus, sie atmet ihn, so formuliert es die Laudatorin Tonja Christ. Der Satz “Das Private ist politisch” ist für queere Menschen immer noch aktuell. “Wenn eine queere Frau und ihre Partnerin sich entscheiden, Kinder zu bekommen, dann ist das keine private Liebesgeschichte.” Leider auch im Jahr 2026 nicht. Haustein, so die Laudatorin, gehöre zu den Menschen, die nicht darauf warten, dass Türen sich öffnen, sondern sie selbst aufstoßen – die zuhören, aufklären, trösten, streiten, anderen über bürokratische Hürden helfen und dabei zeigen, dass Tradition kein Grund ist, Ungerechtigkeit zu rechtfertigen. Eine einzelne entschlossene Stimme, die einen gewaltigen Unterschied macht.

Eingangs hatte Karus es so formuliert: Akzeptanz entsteht nicht von allein. Sie entsteht durch Menschen. Menschen, die hinschauen, handeln. Unbequem sind. Den Finger in die Wunde legen. Vor allem auch Menschen, die Hoffnung geben. Denn sie zeigen, das Veränderung möglich ist.  Am 25. Juli, wenn der CSD durch die Innenstadt zieht, wird das Motto wieder auf den Plakaten stehen, mitsamt seinem Fragezeichen. “DUISBUNT – Stadt der Vielfalt?!” Die Antwort an diesem Sonntag: Ja. Allerdings bedarf es dazu Haltung, konkrete Politik und Solidarität sind. Vor allem braucht es Menschen, die laut sind, bevor sie selbst betroffen sind. Vielleicht es daher auch gar nicht verkehrt, wenn sich ab und an echauffiert wird. Solange die Meinungsfreiheit eingehalten wird.

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